
Geschrieben von
Lukas
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Ressourcenmanagement

Jeden Tag starten in Europa rund 27.000 Flüge. Kein einziger davon hebt ab, weil ein Fluglotse „ein gutes Gefühl" hat. Es gibt Radarbilder, Slots, Mindestabstände und ein System, das jede einzelne Route plant, bevor das Triebwerk anläuft. Trotzdem kommt es regelmäßig zu Engpässen – nicht weil die Technik versagt, sondern weil Kapazität endlich ist und Wetter sich nicht an Pläne hält.
In IT-Agenturen und Softwareunternehmen läuft das anders. Da sitzt jemand am Montagmorgen vor einem halb gepflegten Projektplan, schaut auf die Teamliste und verteilt Aufgaben nach dem Prinzip: Wer hat gerade nicht Nein gesagt? Die Folge kennt jeder, der mal drei Kundenprojekte gleichzeitig gesteuert hat. Jemand ist überlastet, jemand anderes wartet auf Zuarbeit, und der Projektleiter verbringt den halben Tag damit, Kapazitäten umzuschichten, die er eigentlich gar nicht kennt.
Was Fluglotsen besser machen als die meisten Projektmanager
Die Analogie ist unfair, klar. Fluglotsen haben Radar. Projektmanager haben ein Kanban-Board und guten Willen. Aber der Punkt ist ein anderer: In der Luftfahrt ist Kapazitätsplanung kein optionaler Prozess, den man bei Gelegenheit mal einführt. Sie ist die Grundvoraussetzung dafür, dass überhaupt etwas fliegt.
Eurocontrol veröffentlicht dazu eine aufschlussreiche Zahl: Wenn der europäische Luftraum auch nur 10% über seiner Kapazitätsgrenze beansprucht wird, steigen die Verspätungen nicht um 10%. Sie explodieren – um den Faktor 3 bis 5. Die Beziehung zwischen Auslastung und Chaos ist nicht linear. Sie ist exponentiell.
Bei Projektteams funktioniert das genauso. Der Standish Group CHAOS Report dokumentiert seit Jahrzehnten, dass 66% aller IT-Projekte ihr Budget oder ihren Zeitrahmen sprengen. Was dabei oft übersehen wird: Die häufigste Ursache ist nicht schlechtes Projektmanagement im klassischen Sinn. Es ist Ressourcenüberlastung – zu viele Aufgaben auf zu wenigen Leuten, ohne dass jemand einen Gesamtüberblick hat.
66% aller IT-Projekte sprengen Budget oder Zeitrahmen. Die häufigste Ursache: Niemand hat den Gesamtüberblick über die tatsächliche Teamauslastung.
Die Fluglotsen-Lektion ist also gar nicht „plant besser". Sie ist: Ohne Echtzeitdaten zur Kapazität plant ihr gar nicht. Ihr reagiert nur.
Warum „gleichmäßig verteilen" nicht funktioniert
Der Reflex bei Kapazitätsplanung ist fast immer derselbe: Jeder bekommt gleich viel. 40 Stunden die Woche, 80% verplanbar, der Rest ist Puffer. Klingt logisch. Funktioniert in der Praxis fast nie.
Wer IT-Teams führt, weiß, warum. Die Seniorentwicklerin, die in drei Projekten gleichzeitig als Ansprechpartnerin fungiert, hat auf dem Papier vielleicht 32 verplante Stunden. In der Realität verbringt sie 15 Stunden mit ungeplanten Code Reviews, Architekturentscheidungen und dem Onboarding eines neuen Kollegen. Der Junior-Entwickler hingegen hat 40 geplante Stunden, braucht aber nur 25, weil er auf Freigaben wartet.
Das Problem ist nicht mangelnde Planung. Das Problem ist, dass die meisten Teams ihre Kapazitätsplanung auf Soll-Werten aufbauen statt auf echten Daten. Wer noch nie gemessen hat, wie viel Zeit tatsächlich in ungeplante Arbeit fließt, plant mit einer Zahl, die nicht stimmt. Und wer mit falschen Zahlen plant, erzeugt genau die Lieferengpässe, die er eigentlich vermeiden wollte.
Der Unterschied zwischen Planbelegung und echter Verfügbarkeit
In der Praxis klaffen diese beiden Zahlen oft 30-40% auseinander. Eine Studie der IPMA zeigt, dass Projektmanager die verfügbare Kapazität ihrer Teams im Durchschnitt um 28% überschätzen. Das ist kein Planungsfehler – das ist strukturelle Selbsttäuschung. Wer seinen Teams 100% Planbelegung zumutet, bekommt nicht 100% Produktivität. Er bekommt Stress, Qualitätsverluste und Fluktuation.

Kapazitätsplanung in der Praxis: Die Pipeline
Klingt alles nachvollziehbar, oder? Das Problem war nie die Theorie. Jeder Geschäftsführer nickt, wenn man ihm erzählt, dass Kapazitätsplanung wichtig ist. Die Frage war immer: Wie mache ich das konkret, ohne den halben Tag in Tabellen zu verbringen?
Wir haben bei Leadtime lange darüber nachgedacht, wie man Kapazitätsplanung für Mitarbeiter so abbildet, dass sie nicht zum Selbstzweck wird. Die Antwort war am Ende überraschend simpel: eine visuelle Pipeline, die auf echten Zeitbuchungsdaten aufbaut.
Das Prinzip: Statt abstrakter Zahlen in einer Tabelle sieht man auf einen Blick, wer wann an welchem Projekt arbeitet – und wo Lücken oder Überlastungen entstehen. Nicht als Prognose auf Basis von Schätzungen, sondern als fortlaufend aktualisiertes Bild, das sich aus den tatsächlichen Buchungen speist.

Was dabei auffällt: Teams, die vorher mit Gantt-Charts oder Excel gearbeitet haben, erkennen sofort Muster, die ihnen vorher verborgen waren. Die eine Person, die chronisch überbucht ist. Das Projekt, das immer wieder Kapazität frisst, ohne dass es im Plan auftaucht. Die Lücke in zwei Wochen, die man jetzt noch füllen kann – statt sie am Freitag vorher zu bemerken.
Excel vs. visuelle Kapazitätsplanung
Vermutlich nutzt mindestens die Hälfte der Teams, die das hier lesen, noch eine Excel-Tabelle für ihre Kapazitätsplanung. Das ist kein Vorwurf. Excel ist das Schweizer Taschenmesser der Unternehmensführung. Es kann alles. Es kann nur nichts davon besonders gut, wenn es um dynamische Teamplanung geht.
Das Kernproblem mit Excel als Werkzeug fürs Workload Management: Es zeigt einen Zustand, keinen Verlauf. Man sieht, was geplant ist – aber nicht, was tatsächlich passiert. Es gibt keine Verbindung zwischen Plan und Realität, zwischen gebuchter und verfügbarer Zeit. Jede Änderung – ein Krankheitstag, ein neues Projekt, ein Scope Creep – erfordert manuelles Nachpflegen. Und seien wir ehrlich: Wer pflegt am Freitagabend noch die Ressourcenplanung nach?
Wenn die Tabelle lügt
Ich habe in meiner Zeit bei eins+null erlebt, wie ein sauber gepflegter Excel-Kapazitätsplan uns monatelang das Gefühl gab, alles im Griff zu haben. Bis ein Mitarbeiter kündigte und wir feststellten, dass er in der Tabelle für drei Projekte eingeplant war, die Hälfte seiner Aufgaben aber längst von jemand anderem übernommen worden waren – ohne dass das irgendwo auftauchte. Die Tabelle sagte: Problem. Die Realität war: Ein anderes Problem, das wir nicht gesehen haben.
Visuelle Kapazitätsplanung im Projekt funktioniert anders. Sie aktualisiert sich, weil sie auf denselben Daten sitzt wie die Zeiterfassung und das Projektmanagement. Wenn jemand vier Stunden auf Projekt A bucht, ändert sich die Pipeline automatisch. Kein Nachpflegen, kein Hoffen, dass die Tabelle stimmt.
Soweit ich das nach 15 Jahren in der IT-Dienstleistung beurteilen kann, scheitern die meisten Kapazitätsplanungen nicht an der Methode. Sie scheitern daran, dass sie manuell gepflegt werden müssen – und das tut nach zwei Wochen Begeisterung niemand mehr.
Was sich ändert, wenn du weißt statt hoffst
Es gibt einen Moment, den die meisten Teams beschreiben, die von Excel auf eine echte Kapazitätsplanung umsteigen. Es ist nicht der „Wow, endlich ein Dashboard"-Moment. Es ist der Moment, in dem zum ersten Mal jemand sagt: „Warte, wir können dieses Projekt gar nicht nächste Woche starten – Lisa ist komplett ausgebucht."
Klingt banal. Ist es nicht. Denn bisher war die Antwort auf „Können wir das nächste Woche starten?" immer: „Müsste gehen." Und „müsste gehen" ist der Satz, an dem die meisten Projekte sterben. Nicht am Anfang. Aber drei Wochen später, wenn die Verzögerungen sich stapeln und niemand genau sagen kann, woran es liegt.
Was gute Teams tun: Sie treffen Entscheidungen auf Basis von Daten, nicht auf Basis von Hoffnung. Und dafür brauchen sie ein System, das ihnen in Echtzeit zeigt, wie die tatsächliche Auslastung aussieht – nicht wie sie aussehen sollte.
Der Dominoeffekt, den niemand sieht
Was Kapazitätsplanung so tückisch macht: Ein einzelnes Problem bleibt selten isoliert. Wenn Lisa in Woche 12 überbucht ist, verschiebt sich ihr Deliverable in Woche 13. Das blockiert das Review in Woche 14. Und plötzlich ist das Kundenprojekt drei Wochen im Verzug, weil vor einem Monat niemand gemerkt hat, dass eine Person 20 Stunden zu viel auf dem Zettel hatte. Wer seine Agentur skalieren will, muss diese Kettenreaktionen verstehen – und verhindern, bevor sie starten.

Die Daten deuten jedenfalls darauf hin, dass der Unterschied erheblich ist. PMI-Studien zeigen, dass Unternehmen mit strukturierter Ressourcenplanung 28% weniger Projektabbrüche verzeichnen. Nicht weil sie besser planen – sondern weil sie früher erkennen, wenn ein Plan nicht aufgeht.
Wir haben Leadtime gebaut, weil wir es leid waren, jeden Montagmorgen den Blindflug neu zu starten. Nicht weil wir dachten, wir wüssten es besser – sondern weil wir wenigstens wissen wollten, was wir nicht wissen.


